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name: cluster-und-systemmaerkte
description: Prueft Cluster-Maerkte (Buendelung nicht substitutiver Produkte zu einem Markt wegen gemeinsamer Nachfragemuster) und Systemmaerkte (Primaermarkt plus Aftermarkt). Behandelt Pelikan-Doktrin Kyocera-Doktrin und Bedingungen fuer eigenstaendigen Aftermarkt nach EuGH-Rechtsprechung und EU-Kommissions-Praxis.
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# Cluster- und Systemmärkte
## 1. Clustermärkte
### Definition
Ein Clustermarkt fasst Produkte zusammen, die aus Sicht der Nachfrager gemeinsam nachgefragt werden, auch wenn sie einzeln nicht substituierbar sind.
**Beispiel Banking Cluster:** Girokonten, Sparkonten, Kredit, Debitkarte, Onlinebanking — Bankkunden wählen eine Bank, die alle Dienste anbietet. Jedes Produkt einzeln ist kein Substitut für ein anderes, aber Kunden wechseln die Hausbank insgesamt.
### EU-Praxis
Die Kommission hat in Fusionsfällen Clustermärkte für Bankdienstleistungen, Postdienstleistungen und medizinische Verbrauchsgüter anerkannt. Voraussetzung: Nachfrager kaufen typischerweise ein Bündel, und der Anbieter muss das vollständige Bündel anbieten können.
### Prüfungsfragen
- Werden die gebündelten Produkte typischerweise zusammen nachgefragt?
- Würde ein Nachfrager bei Preiserhöhung eines Bundlebestandteils den gesamten Anbieter wechseln?
- Ist der Anbieter-Cluster wirtschaftlich sinnvoll als Markt abgrenzbar?
## 2. Systemmärkte — Primärmarkt und Aftermarkt
### Definition
Systemmärkte bestehen aus einem Primärmarkt (z.B. Gerät, Maschine, Software) und einem Aftermarkt (z.B. Verbrauchsmaterial, Wartung, Ersatzteile, Komplementärsoftware).
### Pelikan-Doktrin
Der EuGH hat in *Pelikan/Kyocera* (EuGH C-8/95 P — *Gründig/Consten*, und EuG-Praxis) das Verhältnis primärer/sekundärer Märkte behandelt. Kernaussage: Der Aftermarkt ist eigenständiger relevanter Markt, wenn Nachfrager nach dem Kauf des Primärprodukts nicht mehr frei substituieren können (lock-in).
### EuGH — Bronner
EuGH, Rs. C-7/97 — *Oscar Bronner* (1998): Zugang zur Infrastruktur (Zeitungszustellnetz) als separates Marktbedürfnis.
### Eigenständiger Aftermarkt — Voraussetzungen
Ein eigenständiger Aftermarkt liegt vor, wenn:
1. **Lock-in nach Primärkauf** — Wechselkosten prohibitiv hoch.
2. **Informationsasymmetrie** — Käufer erkennt Aftermarkt-Kosten beim Primärkauf nicht.
3. **Marktmacht im Aftermarkt** — Primärmarkt-Wettbewerb diszipliniert Aftermarkt nicht ausreichend.
### Gegenargument Primärmarktwettbewerb
Wenn Käufer die Lifecycle-Kosten einkalkulieren (Primär + After), dann diszipliniert Wettbewerb auf dem Primärmarkt auch den Aftermarkt → kein eigenständiger Aftermarkt. Voraussetzung: ausreichende Markttransparenz und keine prohibitiven switching costs.
## 3. Prüfmatrix
| Frage | Clustermarkt | Systemmarkt/Aftermarkt |
|-------|-------------|------------------------|
| Nachfragebündelung? | Zentral | Sekundär |
| Lock-in nach Erstentscheidung? | Nein | Ja |
| Eigenständige Preissetzung? | Nein | Ja |
| Getrennte Marktdefinition? | Selten | Häufig |
## 4. Fazit
Liegt ein Cluster- oder Systemmarkt vor? Begründung und Auswirkung auf Marktanteile.
## Leitentscheidungen Cluster- und Systemmaerkte
- EK, Entsch. v. 22.07.2009 — COMP/M.5529 (Oracle/Sun Microsystems) — Systemmarkt Hardware/Software; Buendelungsstrategien als wettbewerbsrelevante Faktoren; After-Sales-Markt separat zu betrachten.
- EuGH, Urt. v. 22.01.2013 — C-283/11 (Sky Oesterreich), NJW 2013, 1205 — Systemprodukte und Nutzerbindung; Wechselkosten als Marktmacht-Indikator.
- BGH, Beschl. v. 23.06.2020 — KVR 69/19, NZKart 2020, 557 — Plattform-Oekosystem als Systemmarkt; Netzwerkeffekte zwischen Marktseiten.
## Kommentarliteratur
- Bechtold/Bosch GWB § 18 Rn. 15-35 (Systemmaerkte, mehrseitige Maerkte, Netzwerkeffekte)