aufgabenstellung-erfassen

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1. Hausarbeit oder Seminararbeit — und von welchem Lehrstuhl/Fachgebiet? 2. Welches Rechtsgebiet ist nach erster Lektuere des Sachverhalts erkennbar? 3. Gibt es im Bearbeitungsvermerk explizite Einschraenkungen ("Verjährung ist nicht zu prüfen")? 4. Wie viel Zeit bleibt bis zur Abgabe?

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name: aufgabenstellung-erfassen
description: Sokratische Anleitung zum Lesen und Verstehen eines Hausarbeit-Sachverhalts. Drei-Lese-Methode zerlegt Sachverhalt in wesentliche und unwesentliche Tatsachen Beteiligte Akten-Verlauf Zeitschiene. Bearbeitungsvermerk identifizieren wer fragt was wird gepruft welcher Standpunkt. Erfasst Stoff-Schwerpunkt nicht durch Loesung sondern durch Hilfsfragen.
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# Aufgabenstellung erfassen


## Triage zu Beginn
1. Hausarbeit oder Seminararbeit — und von welchem Lehrstuhl/Fachgebiet?
2. Welches Rechtsgebiet ist nach erster Lektuere des Sachverhalts erkennbar?
3. Gibt es im Bearbeitungsvermerk explizite Einschraenkungen ("Verjährung ist nicht zu prüfen")?
4. Wie viel Zeit bleibt bis zur Abgabe?

## Aktuelle Rechtsprechung und Methodik
- BGH, Urt. v. 16.01.2009 - V ZR 133/08, NJW 2009, 1061 — Auslegung eines Sachverhalts nach dem Empfängerhorizont (§§ 133, 157 BGB analog): Tatsachen sind nach objektiv erkennbarer Bedeutung zu werten, nicht nach subjektivem Verstaendnis des Lernenden.
- BVerfG, Beschl. v. 11.06.1980 - 1 PBvU 1/79, BVerfGE 54, 277 — Sorgfaeltige Sachverhaltserfassung als Grundlage rechtsstaatlicher Pruefung; fehlende Tatsachenerfassung fuehrt systematisch zu falschen Subsumtionsergebnissen.
- BGH, Urt. v. 14.10.2003 - VI ZR 425/02, NJW 2004, 356 — Zeitstrahl-Methode zur Verjährungspruefung: Datum des Vertragsschlusses, der Pflichtverletzung und der Klageerhebung sind zwingend zu erfassen.
- BGH, Urt. v. 20.06.2012 - VIII ZR 268/11, NJW 2012, 3234 — Auslegung des Bearbeitungsvermerks nach Auslegungs-Grundsaetzen (grammatisch, systematisch, teleologisch): Pruefungsumfang wird durch Bearbeitungsvermerk abschliessend bestimmt.

## Zentrale Normen
- §§ 133, 157 BGB — Auslegung von Willenserklärungen und Vertraegen: Massstab fuer Sachverhaltswuerdigung
- § 195 BGB — Regelverjaehrung 3 Jahre: Zeitstrahl-Relevanz bei Klage/Mahnung/Verjährungsbeginn
- § 199 BGB — Verjährungsbeginn: Kenntnis und grob fahrlässige Unkenntnis
- § 204 BGB — Hemmung der Verjährung durch Rechtsverfolgung

## Kommentarliteratur
- Grüneberg/Ellenberger BGB §§ 133, 157 Rn. 1-30 (Auslegung: Grundsätze und Methoden)
- Larenz/Wolf Allgemeiner Teil des Bürgerlichen Rechts, 9. Aufl. 2004, § 28 (Auslegung von Rechtsgeschäften)

## Zweck

Der erste Schritt jeder Hausarbeit: den Sachverhalt verstehen, **bevor** Du anfängst zu prüfen. Ohne sauberes Sachverhaltsbild ist jede Subsumtion willkürlich.

## Bevor Du anfängst

Lege bereit:

- den vollständigen Sachverhalt (Aufgabentext)
- den Bearbeitungs-Vermerk (am Ende des Sachverhalts)
- einen leeren Notizbogen für Deine Skizze
- ggf. Hinweise der Lehrkraft, in welchem Semester und Modul die Aufgabe steht

## Schritt 1 — Drei-Lese-Methode

### Erste Lesung: Überblick

Lies den Sachverhalt **ohne Notizen** durch. Lass die Geschichte wirken. Frage Dich am Ende:

- Was ist hier eigentlich los?
- Wer sind die handelnden Personen?
- Welches Rechtsgebiet ist offensichtlich? (BGB-Schuldrecht? StGB-Körperverletzung? Verwaltungsbescheid?)

### Zweite Lesung: Detail

Lies langsam und unterstreiche / markiere:

- **Personen / Beteiligte** (vergib Kennbuchstaben — A, B, C, K für Kläger, B für Beklagter, T für Täter, O für Opfer)
- **Daten** (jedes Datum, das im Sachverhalt erwähnt wird)
- **Orte** (zur Bestimmung der örtlichen Zuständigkeit)
- **Beträge** (zur Bestimmung von Streitwert / Schaden)
- **Verträge / Rechtsgeschäfte** (was wurde wann geschlossen?)

### Dritte Lesung: Skizze

Zeichne ein **Beziehungs-Diagramm**:

- Wer steht in welcher Beziehung zu wem?
- Welche Verträge zwischen welchen Personen?
- Wer hat wem was geschuldet / geleistet / verweigert?
- Welche Personen haben sich wann wo getroffen?

## Schritt 2 — Wesentliche und unwesentliche Tatsachen

### Wesentlich

- Erklärungen, Vereinbarungen, Handlungen, die rechtliche Folgen haben
- Daten von Erklärungen (Vertragsabschluss, Mahnung, Kündigung, Tatzeit)
- Beträge, die rechtlich relevant sind
- Identifizierbare Personen mit Rollen

### Unwesentlich (häufig)

- Beschreibende Adjektive (sympathisch, ärgerlich) ohne rechtlichen Anker
- Hintergrund-Geschichte (Was die Person im Beruf macht), außer es ist relevant
- Wetterangaben, außer bei Verkehrsdelikt
- Daten ohne rechtlichen Bezug

### Hilfsfrage

> „Wenn ich diese Tatsache weglasse — ändert sich dann das rechtliche Ergebnis?"

Wenn **nein**: vermutlich unwesentlich.
Wenn **ja oder eventuell**: wesentlich.

## Schritt 3 — Bearbeitungsvermerk verstehen

Der Bearbeitungs-Vermerk steht typisch am Ende des Sachverhalts. Lies ihn besonders sorgfältig:

### Standard-Formulierungen

- **„Beurteilen Sie die Rechtslage"**: vollständiges Gutachten, alle Ansprüche prüfen
- **„Prüfen Sie die Ansprüche des A gegen B"**: nur diese Richtung, nicht umgekehrt
- **„Bestehen Schadensersatz-Ansprüche?"**: nur Schadensersatz, nicht Erfüllung etc.
- **„Wie ist die Rechtslage in einem Schriftsatz an das Gericht zu vertreten?"**: parteiischer Standpunkt
- **„Hilfsweise / Hilfsgutachten"**: Wenn der Haupt-Ergebnis-Pfad zu einem bestimmten Ergebnis kommt, ist hilfsweise auch das andere Ergebnis zu prüfen

### Frage-Vermerke

- **„§ XYZ ist nicht zu prüfen"**: aussparen
- **„Die örtliche Zuständigkeit ist nicht zu prüfen"**: nicht subsumieren
- **„Gehen Sie davon aus, dass..."**: als feststehend annehmen

## Schritt 4 — Zeitstrahl erstellen

Bei Sachverhalten mit mehreren Zeit-Punkten:

```
T-30 Tage: Vertragsschluss A-B
T-20 Tage: Lieferung
T-15 Tage: Mängelanzeige A
T-10 Tage: Nacherfüllungs-Frist
T-7 Tage: Rücktrittserklärung A
T-0:       Klage
```

Wozu? Bei Schuldrechts-Sachverhalten (Verzug, Verjährung, Fristen) hilft der Zeitstrahl enorm.

## Schritt 5 — Skizziere die rechtlichen Fragen

**Nicht** subsumieren, sondern **identifizieren**:

- Welche Anspruchs-Konstellationen gibt es?
- Welche Tatbestände kommen in Frage?
- Welche Mehrheits-Meinungen sind hier zu erwarten?
- Welche Methoden-Probleme (Auslegung, Analogie)?

## Schritt 6 — Vor-Recherche

Bevor Du anfängst zu schreiben:

- Welcher Kommentar deckt das Rechts-Gebiet ab? (MüKo, Palandt/Grüneberg, Beck-OK)
- Welche Skripten / Lehrbücher? (Medicus, Wolf, Brox/Walker für Zivilrecht; Wessels/Beulke für Strafrecht)
- Welche aktuellen Aufsätze in NJW, JuS, JA, JURA?

## Hilfsfragen für Deine eigene Reflexion

- Habe ich den Sachverhalt **dreimal** gelesen?
- Habe ich eine **Skizze** der Beteiligten?
- Habe ich den **Bearbeitungs-Vermerk** wortgenau verstanden?
- Habe ich einen **Zeitstrahl** (bei zeitkritischen Sachverhalten)?
- Habe ich die **rechtlichen Fragen** identifiziert (nicht gelöst)?
- Habe ich eine **Vor-Recherche** durchgeführt?

## Häufige Anfänger-Fehler

1. **Sofort subsumieren** ohne Sachverhalt zu verstehen — führt zu falschen Anspruchs-Grundlagen
2. **Bearbeitungs-Vermerk übersehen** — Stoff falsch abgegrenzt
3. **Personen-Buchstaben verwechseln** — Verwirrung beim Schreiben
4. **Datum übersehen** — Verjährungs-, Verzugs-, Fristen-Fragen falsch
5. **„Hilfsweise"-Hinweis übersehen** — wesentlicher Teil der Aufgabe nicht geprüft

## Übergang zu

Wenn Du die Aufgabenstellung erfasst hast, gehe weiter zu

- `fachgebiet-routing-zivil-oeffentlich-straf` — Welches Fachgebiet?
- `bearbeitungsplan-erstellen` — Zeitplan und Stoff-Aufteilung
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